Evolution-Ernährung-Medizin

Die Angaben darüber, ob bestimmte Nahrungsmittel oder Lebensweisen der Gesundheit nützen oder schaden, sind in wissenschaftlichen Studien oft widersprüchlich. Ähnliches wird auch bei der Untersuchung der Wirkung und Nebenwirkungen von Medikamenten festgestellt. Wie kann das sein?

Die Auflösung dieser Widersprüche findet man immer häufiger unter evolutionären Aspekten: Genetische Unterschiede bestimmen, ob und wie schnell Medikamente wirken, ob Nebenwirkungen auftreten, ob bestimmte Nahrungsbestandteile förderlich oder eher schädlich sind.

Viele Beispiele zu ernährungsbedingten Krankheiten oder Verhaltensweisen lassen sich mit Hilfe der Erkenntnisse aus der Evolutionsbiologie verstehen und ermöglichen einen differenzierten Umgang mit dem eigenen Ernährungsverhalten und der eigenen Gesundheit.

Aktuelle Beispiele:

  1. Kaffekonsum und Herzinfarkt/Bluthochdruck
  2. Lactose-Intoleranz
  3. Verzögerte Nahrungsmittelallergien
  4. Nachrichtensplitter: Verschiedene Kurzmeldungen

Diese Beispiele illustrieren, wie bedeutsam das Wissen um genetische Unterschiede ist. Die Evolutionsbiologie erklärt, wie solche Merkmale entstanden sind, und unter welchen Bedingungen sie sich verändern oder erhalten.

Evolutionstheorie, Genetik, Medizin und Ernährungswissenschaft profitieren von der Beantwortung solcher Fragestellungen gleichermaßen. Ein interdisziplinärer Ansatz kann dazu beitragen, diese Fragen zu klären und letztlich auch jedem Individuum die Erkenntnisse zur Steigerung der eigenen Gesundheit bereitstellen.

 1. Kaffekonsum und Herzinfarkt/Bluthochdruck
Foto Kaffee: Pixelquelle

Schadet regelmäßiger Konsum von Kaffee und führt das in Kaffee enthaltene Koffein zu Herzinfarkt und Bluthochdruck?

Die Erkenntnisse hierzu waren bislang widersprüchlich. Erst die Identifikation unterschiedlicher Enzymvarianten für den Abbau von Koffein konnte Klarheit schaffen: Je nachdem, welche Variante des Enzyms für den Abbau von Koffein vorliegt, wird Koffein langsam oder schnell abgebaut (Cytochrom-Varianten CYP1A2-1F bzw. CYP1A2-1A).

Bei einer genetischen Anlage für schnelle Koffein-Entgiftung schadet Koffein nicht, und andere im Kaffee enthaltene Substanzen (wie Antioxidantien) können sogar positiv zur Wirkung kommen.
Bei einer genetischen Anlage zu langsamer Koffein-Entgiftung führen mindestens 4 Tassen Kaffee pro Tag zu einer Erhöhung des Herzinfarkt-Risikos um den Faktor zwei bis vier – vermutlich durch die Gefäßverengende Wirkung auf die Gefäße und den damit verringerten Blutstrom.
(Cornelis, M.C. et al. 2006. Coffee, CYP1A2 Genotype, and Risk of Nyocardial Infarction. JAMA 295:1135-1141)

 2. Lactose-Intoleranz
Foto Milch: Pixelquelle

Laktoseintoleranz bedeutet, dass der mit der Nahrung aufgenommene Milchzucker (Laktose), als Folge von fehlender oder verminderter Produktion des Verdauungsenzyms Laktase, nicht richtig verdaut wird. Die Folge sind Gärungsprozesse im Magen/Darm mit teilweise heftigen Beschwerden. Aufgrund stark gestörter Darmfunktionen können zusätzlich Nährstoff- und Mineralstoffmangel (und damit weitere Stoffwechselschäden) und vermehrt Infektionen auftreten. Die Laktoseintoleranz ist regional sehr unterschiedlich verbreitet: In Nordeuropa beträgt die Häufigkeit 5-15%, in den USA unter der weißen Bevölkerung 10-25%, unter der schwarzen Bevölkerung bis zu 80%. In der schwarzen Bevölkerung Afrikas sind 85-100% betroffen, in Asien 90-100%.

Eine spannende Erkenntnis ist, dass der Laktasemangel ursprünglich der Normalzustand war: Das Enzym Laktase wurde bis vor ca. 10.000 Jahren von allen Säugetieren nur während der Säuglingszeit gebildet, es spaltet den Milchzucker in die für Säugetiere verwertbaren Zuckerarten Galaktose und Glukose. Mit dem Ende der Stillperiode wurde das Enzym inaktiviert. Erst vor ca. 10.000 Jahren – evolutionär gesehen einem sehr kurzfristigen Zeitraum – setzte sich in menschlichen Populationen mit Beginn der Viehhaltung durch, dass auch im Kindes- und Erwachsenenalter dieses Enzym aktiv bleibt. Die dadurch mögliche Verwertung von Milch im Anschluss an die Stillzeit eröffnete die Nutzung einer zusätzlichen Energiequelle und stellte damit einen Selektionsvorteil in diesen Populationen dar.

Das bedeutet, dass wir aufgrund der Viehhaltung erst von der üblichen Laktoseintoleranz zu einer Laktosetoleranz übergegangen sind – interessant zu bedenken ist, dass die Laktoseintoleranz – der Ausgangszustand - heute in Europa vor allem deshalb als Krankheit/Mangel gewertet wird, weil Milchprodukte (Milch, Butter, Joghurt, Käse, Sahne, etc.) in unserer Ernährung weit verbreitet sind.

 3. Verzögerte Nahrungsmittel-Allergien
Foto: Evomed

Allergien sind überschießende Immunreaktionen des menschlichen Körpers – und lösen zunehmend gesundheitliche Probleme aus. Warum schadet sich der Körper in dieser Form?

Grundsätzlich ist unser Körper so angelegt, dass er körperfremde Proteine („Antigene“) erkennt und diese mit Hilfe von Antikörpern abwehrt. Dies dient der Bekämpfung z.B. von Krankheitserregenden Bakterien und Viren.

Nahrungsmittel sind für den Körper ebenfalls körperfremde Proteine. Aber: normalerweise werden Nahrungsmittel beim aktiven Transport über die Darmwand als „unschädlich“ markiert und lösen damit keine Antikörperbildung aus. Evolutionär gesehen ein wichtiger und sinnvoller Mechanismus, da wir sonst die Grundlage unserer Energiezufuhr – die Nahrungsmittel – ständig mit Antikörpern bekämpfen würden. Wie kann es dann aber zu Nahrungsmittel-Allergien kommen?

Besonders interessant sind die so genannten verzögerten Nahrungsmittel-Allergien, die erst einige Stunden bis Tage Beschwerden auslösen und vermutlich bei 40% der Bevölkerung zu finden sind. Sie können entstehen, wenn Schädigungen im Darm die Nahrungsmittel ohne die wichtige Markierung „unschädlich“ hindurchrutschen lassen, und dann täglich immer wieder Immunreaktionen gegen diese körperfremden Proteine in Gang gesetzt werden. Am Ende stehen chronisch-entzündliche Erkrankungen wie chronische Magen-Darm-Beschwerden oder Hautprobleme (Neurodermitis, Schuppenflechte).

Fazit: Ein evolutionär sehr bedeutsamer Mechanismus, die Immunabwehr körperfremder Proteine wie Bakterien, Viren, etc., schießt bei einer Allergie über. Kennt man die Ursache für die Entstehung, z.B. bei verzögerten Nahrungsmittel-Allergien eine durch Stress, Antibiotikabehandlung o.ä. ausgelöste Darmproblematik, kann man diesen Gesundheitsgefährdenden Prozess stoppen.